Nachhaltiges Bauen: Mehr als nur eine Frage der Energieeffizienz

Die Sektoren Bauen und Wohnen gehören zu den Bereichen, die am meisten Ressourcen erfordern. Entsprechend stark belasten sie die Umwelt und tragen insbesondere zur Klimaerwärmung bei. Wer nachhaltig bauen will, muss nicht nur den Energiebedarf eines Gebäudes berücksichtigen.


Mike Sommer



Beim Stichwort «nachhaltiges Bauen» denken die meisten Personen vermutlich zuerst an die Energiefresser Heizung, Kühlung und Warmwasseraufbereitung. Im Jahr 2000 entfielen in der Schweiz fast 35 % der Endenergie auf die Erzeugung der Raumwärme. 2015 waren es nur noch gut 31 %. Obschon immer mehr Menschen immer mehr Gebäude bewohnen und darin arbeiten, nimmt der Heizenergiebedarf also ab.

Steigende Preise für Energie, die CO2-Abgabe auf Brennstoffe, das wachsende Umweltbewusstsein und eine fortschrittliche Baugesetzgebung verhelfen zunehmend Gebäudestandards zum Durchbruch, die den Energieverbrauch massiv reduzieren. Dies zeigt auch eine weitere Kennzahl: Von 1975 bis 2015 reduzierte sich der Wärmebedarf eines neu erstellten Wohnhauses für Heizung und Warmwasseraufbereitung im Durchschnitt um 75 %. Die kontinuierliche Erneuerung des Gebäudebestandes wird weitere Fortschritte bringen, auch wenn die derzeitige Sanierungsrate eher bescheiden ausfällt. Mit dem sinkenden Energiebedarf von Neubauten rücken jedoch zunehmend andere Umweltauswirkungen des Bauens in den Vordergrund.

Graue Energie in Baustoffen

Dazu gehören etwa die fortschreitende Ausdehnung der Fläche für die Bereiche Wohnen, Arbeiten und Freizeit, was sich auf die Siedlungsstruktur, die Mobilität und den Rohstoffbedarf auswirkt. Entscheidend ist zudem der Verbrauch an Baustoffen und -materialien. In ihnen steckt – neben den eigentlichen Primärrohstoffen wie beispielsweise Kies – sogenannte graue Energie, also die zur Rohstoffgewinnung, Herstellung, Verarbeitung und Entsorgung erforderliche, nicht erneuerbare Primärenergie einschliesslich der Transporte. Umgerechnet auf die Fläche und die Lebensdauer eines Gebäudes, lässt sie sich mit dessen Betriebsenergie vergleichen. Das Resultat erstaunt: Selbst in einem Niedrigenergie-Neubau schlägt jeder Quadratmeter Nutzfläche mit 40 bis 50 Kilowattstunden grauer Energie pro Jahr zu Buche. Dies ist mehr als für Heizung und Warmwasser verbraucht wird.


Wie viel graue Energie ein Gebäude enthält, lässt sich im Voraus berechnen – und zwar dank dem Bauteilkatalog, der auf den von der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane öffentlicher Bauherren (KBOB) veröffentlichten «Ökobilanzdaten im Baubereich» aufbaut. Er bemisst umweltrelevante Aspekte von Baustoffen und Bauteilen wie die graue Energie oder die Treibhausgas-Emissionen in Kohlendioxid-Äquivalenten (CO2-Eq.) und bilanziert sie in der Einheit Umweltbelastungspunkte. So lässt sich zum Beispiel beurteilen, wie eine Betondecke punkto Umweltbelastung im Vergleich zu einer Massivholzdecke abschneidet.

Bauabfälle besser verwerten

Die bewusste Wahl der Baumaterialien macht Gebäude zweifellos nachhaltiger. Was nach dem Abbruch oder Rückbau geschieht, hat ebenfalls Auswirkungen auf die Umwelt. «Das Ziel muss sein, Bauabfälle möglichst gut zu verwerten, um Ressourcen und Deponieraum zu schonen», sagt David Hiltbrunner von der Sektion Rohstoffkreisläufe BAFU. Bei Metallen funktioniert das bereits gut. Auch Betonabbruch findet zunehmend Verwendung als Gesteinskörnung für Recyclingbeton oder als Kiesersatz im Strassenbau.


Um die Recyclingquote zu steigern, sollte das Augenmerk vermehrt auf das Design der Bauteile gerichtet werden, erklärt David Hiltbrunner am Beispiel der zur Dämmung eingesetzten Styroporplatten: «Diese dämmen zwar ausgezeichnet, sind aber ein Albtraum bei der Entsorgung, weil sie meistens auf einer Unterlage kleben und kaum wieder von dieser getrennt werden können.»

Stecken und schrauben statt kleben müsse deshalb die Devise sein, und Verbundstoffe sowie -konstruktionen sollten beim Bauen vermieden werden. Wichtig sind auch flexible Konstruktionstechniken, die Umbauten und den Austausch von einzelnen Bauteilen erleichtern. Sie verlängern die Lebensdauer von Gebäuden und reduzieren dadurch die Umweltbelastung.

Standard gibt Orientierung

Konsequent auf Nachhaltigkeit getrimmte Produkte existieren zwar, jedoch haben sie auf dem Markt wegen des oftmals höheren Preises einen schweren Stand. «Fortschritte können wir durch Sensibilisierung und mit guten Vorbildern erreichen», sagt David Hiltbrunner mit Überzeugung. Eine wichtige Rolle kommt dabei dem Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS) zu, einem Zusammenschluss von Unternehmen, Branchenverbänden, Forschungsinstitutionen, Kantonen, Gemeinden und Bundesämtern. Dieses Netzwerk fördert den Austausch unter allen Akteuren und hat mit dem Standard Nachhaltiges Bauen

Schweiz (SNBS) – vorerst für den Hochbau – eine Orientierungshilfe für Bauherrschaften und Investoren geschaffen. Der Bund wendet den SNBS bei eigenen grossen Bauvorhaben bereits weitgehend an. Seit 2016 ist auch eine SNBS-Zertifizierung von Bauwerken möglich. Davon haben bisher zwar noch nicht viele Bauherrschaften Gebrauch gemacht. Doch dies dürfte sich langfristig ändern, denn Nachhaltigkeitszertifikate verbessern die Marktfähigkeit von Objekten.


Auch der 2016 veröffentlichte Bericht des Bundesrates zur Grünen Wirtschaft sieht Massnahmen zur Förderung von Sekundärrohstoffen vor. Sie sollen unter anderem die deponierte Menge der Bauabfälle markant reduzieren.

44 Nachhaltigkeitskriterien

Der SNBS bewertet Bauwerke anhand von 44 Kriterien. Neben den Aspekten Ressourcenverfügbarkeit, graue Energie, Bauweise und Verwertbarkeit geht es dabei etwa um städtebauliche Anliegen, die Erschliessung, regionale Wertschöpfungsketten, Flora und Fauna, das Mobilitätskonzept sowie soziale Themen. Nur mit dieser breiten Betrachtung ist es möglich, die Nachhaltigkeit eines Bauwerks wirklichkeitsnah zu erfassen. Dabei können einzelne Kriterien miteinander in Konkurrenz stehen und sich sogar widersprechen. Eine dicke Gebäudehülle etwa erfordert einen grösseren Materialeinsatz und erhöht den Anteil der grauen Energie. Dafür ist das Gebäude damit besser wärmeisoliert und seine Lebensdauer unter Umständen länger. Dies macht nachhaltiges Bauen zur komplexen Angelegenheit.

Die vom NNBS geförderte gesamtheitliche Betrachtung erachtet David Hiltbrunner als entscheidend, damit das Bauen und folglich auch der Wohnsektor nachhaltiger werden. Um der Komplexität des Themas gerecht zu werden, tauschen sich die Fachspezialisten des BAFU regelmässig in der internen Koordinationskonferenz Nachhaltiges Bauen aus. Diese Vernetzung verschafft dem Thema Nachhaltiges Bauen die seiner Bedeutung für die Umwelt entsprechende Beachtung. Erhebliche Chancen bietet freilich auch die zunehmende Digitalisierung. Neue Instrumente – wie das Building Information Modeling (BIM) – ermöglichen eine viel detailliertere Planung als heute. Damit lässt sich zum Beispiel der künftige Energieverbrauch eines Gebäudes simulieren oder ein Materialpass der eingesetzten Baumaterialen erstellen.

Landschaftsverträglich bauen

Jedes Bauwerk verändert die Landschaft, weshalb Aspekte wie Lage und Qualität der Gestaltung von grosser Bedeutung sind. «Das Einfamilienhaus auf der grünen Wiese ist aus ökologischer Sicht nicht nachhaltig, denn es fördert die Zersiedelung, versiegelt den Boden und verursacht unnötige Mobilität», sagt Claudia Moll von der Sektion Ländlicher Raum beim BAFU. In der Koordinationskonferenz «Nachhaltiges Bauen des Amtes» bringt sie die Aspekte der Landschaftsqualität ein. Diese sind gerade in den städtischen Landschaften, wo rund 85 % der Schweizer Bevölkerung leben, für die Lebensqualität von zentraler Bedeutung.

Die Anliegen sind vielfältig: Bauten sollen sich gut in die Topografie einfügen sowie regionale Eigenarten eines Ortes aufnehmen: «Damit stärken wir regionale Wertschöpfungsketten sowie die Standortattraktivität und fördern Landschaftsleistungen wie das Gefühl von Identifikation und Heimat, die für unsere Gesundheit wichtige Erholung sowie die Erfüllung ästhetischer Ansprüche», stellt Claudia Moll fest. Nachhaltiges Bauen schliesst zudem Überlegungen zur Gestaltung der Gebäudeumgebung mit ein. Sorgfältig gestaltete Freiflächen fördern die Biodiversität, verbessern das Stadtklima und schaffen soziale Begegnungsräume.

«Der transdisziplinäre Ansatz bedeutet eine Herausforderung», sagt die BAFU-Fachfrau. «Unsere Aufgabe ist es, das Verständnis für ein übergreifendes Qualitätsbewusstsein im Interesse einer natur- und menschenverträglichen Landschaft zu fördern.» Diese Perspektive nimmt auch das sich gegenwärtig in Überarbeitung befindende Landschaftskonzept Schweiz (LKS) ein, das verbindliche Ziele für die raumrelevanten Politikfelder des Bundes formuliert. Im Rahmen des 2017 vom Bundesrat verabschiedeten Aktionsplans zur Strategie Biodiversität Schweiz beschäftigt sich ein Pilotprojekt des BAFU ausserdem mit der Frage, wie man die Artenvielfalt und die Landschaftsqualitäten bei der weiteren Entwicklung der Agglomerationen wirkungsvoll fördern kann.


Holz: umfassend nachhaltig

Als natürlicher, nachwachsender und einheimischer Rohstoff ist Holz das nachhaltige Baumaterial schlechthin. Es hat die Fähigkeit, das wichtigste Treibhausgas, Kohlendioxid, aus der Atmosphäre aufzunehmen und langfristig in Holzprodukten zu binden. Holz als Baumaterial enthält wenig graue Energie, verursacht nur einen geringen Ausstoss an Treibhausgasen, dämmt gut und lässt sich klimaneutral thermisch verwerten. Wird Holz aus der Region verwendet, kann es aber nicht nur als ökologisches Baumaterial punkten, meint Achim Schafer von der Sektion Holzwirtschaft und Waldwirtschaft im BAFU und präzisiert: «Die Verwendung von Holz für das Bauen stärkt die regionale Wertschöpfung. Der Einsatz von Holz aus einer nachhaltigen Waldwirtschaft leistet einen Beitrag zur Biodiversität, zur Luftreinigung, zum Schutz vor Naturgefahren und bietet Arbeitsplätze in Randregionen.» Diese Leistungen lassen sich nur schwer beziffern, sie finden aber zum Teil Eingang in die Ökobilanzierung und in den Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS).

Der Anteil des Holzes am 3.2 Milliarden Tonnen schweren «Bauwerk Schweiz» betrug 2015 37 Millionen Tonnen. Das Potenzial für Baumaterialien, Innenausstattungen, Möbel und die Aussenbereiche wird damit noch nicht ausgeschöpft. Vom jährlich im Schweizer Wald nutzbaren Potenzial werden nur zwei Drittel geerntet.

Mit der Ressourcenpolitik Holz will der Bund den Einsatz dieses Rohstoffs für das Bauen fördern. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung sind die neuen Brandschutzanforderungen an Holzbauten. Sie erlauben entsprechende Wohn-, Büro-, Industrie- und Gewerbebauten sowie Schulhäuser mit einer Gesamthöhe von bis zu 30 Metern. Auch bei Hochhäusern sind unter bestimmten Bedingungen tragende und brandabschnittsbildende Bauteile aus Holz erlaubt. In Vorbereitung sind neue Empfehlungen der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB) – unter anderem zur Beschaffung von nachhaltig produziertem Holz und zu Holzbauten in der Immobilienstrategie.